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Brüderlein, komm tanz mit mir

… gilt als die längste Beziehung im Leben eines Menschen. Sie ist etwas Schicksalhaftes, da man sie sich nicht aussuchen kann, sondern in sie hineingeboren wird. Sie wirkt selbst dann noch fort, wenn zwischen den Geschwistern kein Kontakt mehr besteht. Oft ist sie gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Intimität, das in keiner anderen Beziehung erreicht wird. Typisch ist für sie eine tiefverwurzelte emotionale Ambivalenz mit intensivsten positiven (Liebe) und negativen (Hass) Gefühlen.
Zunächst ist es die Aufgabe der Eltern, einer Beziehung zwischen den Geschwistern den Weg zu ebnen: bis etwa zum 16./17. Lebensmonat des jüngeren Kindes müssen sie den Ansprüchen beider Kinder gerecht werden und damit die Geschwisterbeziehung regeln. Bis zirka zum vollendeten 2. Lebensjahr etabliert sich zwischen den Geschwistern eine Beziehung, die auch unabhängig von elterlichen Einflüssen eine Eigendynamik bekommt. Allerdings spielt das elterliche Verhalten in der gesamten Kindheit eine entscheidende Rolle für die Qualität der Geschwisterbeziehung. Förderlich für die Anhänglichkeit der Kinder untereinander ist eine sichere und verlässliche Bindung beider Geschwister an die Mutter.
Die Beziehung zwischen den Geschwistern wurde in Untersuchungen umso schlechter bewertet, je stärker eine Ungleichbehandlung durch Mutter und/oder Vater ausfiel, insbesondere dann, wenn die Ungleichbehandlung nicht auf Alters- bzw. Bedürfnisunterschiede zurückgeführt wurde.


Geschwister - ein Leben lang

Wie oben bereits erwähnt, besteht die Geschwisterbeziehung ein Leben lang. Allerdings ändern sich die Schwerpunkte in der Beziehung, wie folgende Auflistung zeigt:
Kindheit und Jugend: In der ersten Zeit dominiert eine wechselseitige emotionale Unterstützung sowie der Aufbau von Kamerad- und Freundschaft: ältere helfen jüngeren Geschwistern, man erweist sich kleine Gefälligkeiten, steht sich einander bei und solidarisiert sich gegenüber Dritten (z.B. Eltern). Typische Rivalitätsthemen sind jetzt: Kontrolle, Dominanz und Reife
Frühes und mittleres Erwachsenenalter: Auch jetzt stehen wieder Kameradschaft und gegenseitige gefühlsmäßige Unterstützung im Vordergrund – in Krisensituationen ist Beistand und Hilfe angezeigt; daneben übernimmt man gemeinsam die Pflicht des Sich-Kümmerns um die alternden Eltern. Typische Rivalitätsthemen sind jetzt: beruflicher Erfolg und Anerkennung (v.a. Brüder) neben physischer Attraktivität und Fitness; zunehmend entfachen sich Auseinandersetzungen auch an familienbezogenen und einstellungs- sowie wertorientierten Themen
Spätes Erwachsenenalter und höheres Alter: Kameradschaft und wechselseitige emotionale Unterstützung sind (immer noch) besonders wichtig, man hilft sich in der Not, arbeitet evtl. alte Rivalitätsprobleme endgültig auf – man vermittelt einander das Gefühl, sich auf den anderen verlassen zu können. Typische Rivalitätsthemen sind: familienbezogene und einstellungs- sowie wertorientierte Themen

Was sich liebt, das haut sich? - Geschwisterrivalität und wie man ihr begegnet

Geschwisterrivalität ist so alt wie die Menschheitsgeschichte: genauso wie heutige und künftige Geschwister rivalisierten bereits Kain und Abel in der Bibel miteinander. Die Wurzeln dieser Rivalität werden einerseits im beständigen Kampf der Geschwister um die Liebe und Zuneigung der Eltern gesehen. Dieser Kampf beginnt mit der Geburt des Geschwisters, wenn das Erstgeborene ein sog. „Entthronungstrauma“ durchlebt: es fühlt sich zurückgesetzt, muss teilen und steht nicht mehr im Mittelpunkt elterlicher Aufmerksamkeit. Das ältere Kind ist dem jüngeren Kind gegenüber eifersüchtig und tut sich schwer zu akzeptieren, dass die Mutter sich lange um das Kleine kümmern muss, mit diesem schmust, es tröstet, usw..
Besonders groß erwies sich die Geschwisterrivalität bei gleichgeschlechtlichen (v.a. männlichen) und altersmäßig eng beieinander liegenden Geschwisterpaaren. Der Grund hierfür wird darin gesehen, dass sich Geschwister ständig miteinander vergleichen: im Bezug auf das Aussehen, Eigenschaften und Fähigkeiten und weil sie so häufig miteinander zu tun haben.
Forscher fanden am häufigsten eine einseitige Rivalität: die schwächeren, d.h. sich unterlegen fühlenden, Geschwister rivalisieren mit den stärkeren (häufig älteren) Geschwistern, denen dies zum Teil gar nicht auffällt.
Tipps für Eltern
• Vermeiden Sie unbedachte Bemerkungen, die die Eifersucht schüren könnten
• Heben Sie Unterschiede zwischen Ihren Kinder nicht ständig und nicht vor Ihren Kindern hervor („Der Kleine hat zwei linke Hände.“, „Die Große ist unsportlicher“)
• Behandeln Sie Ihre Kinder individuell - jedoch nicht bevorzugend oder benachteiligend
Was sich liebt, das haut sich? Ja und nein. Untersuchungen in Kindergärten zeigen, dass gerade Kinder, die sich gern mögen oft aneinander geraten. Der Geschwisterstreit kann noch intensiver sein, weil das Geschwister als Trainingspartner für kindliche Bestrebungen zur eigenen Abgrenzung und Selbstbehauptung ist und die Kinder im Grunde wissen, dass ihnen nichts passieren kann. Des weiteren müssen die Rollen in der Familie ständig neu definiert werden – und Kinder benutzen nun einmal in erster Linie Hände und Füße, um ihre Position zu verteidigen oder gar zu stärken. Nicht selten versuchen zwei Geschwisterstreithähne die Mutter/den Vater jeweils gegen den anderen aufzubringen. Deshalb sollten sich Eltern so weit als möglich aus den Streitereien heraushalten und in keinem Fall für ein Kind Partei ergreifen. Allerdings sollten Sie eingreifen, wenn Sie merken, dass ein Kind offensichtlich den Kürzeren zieht, weil das andere so unfair wird, dass das „Schwächere“ ihm nicht mehr gewachsen ist. Es ist auffällig, dass der Streit dann besonders laut ist, wenn die Eltern in der Nähe sind. Warum? Die Kinder möchten mehr Aufmerksamkeit – deswegen ein kleiner Tipp: beachten Sie Streitereien weniger und beachten Sie Ihre Kinder vermehrt, wenn sie umgänglich sind. Und: vielleicht streiten Kinder ja nur wegen des schönen Gefühls der Versöhnung hinterher?!
Tröstlich ist vielleicht auch, dass sich Geschwisterbeziehungen im Verlauf der mittleren und späten Kindheit normalerweise harmonisieren. Ein Grund hierfür liegt sicherlich darin, dass sich jedes Geschwister eigene Kontakte und Beziehungen sowie eigene Beschäftigungsvorlieben und Interessen ausbaut.

Altersabstand

Viele Familienpädagogen raten Eltern einen Altersabstand von 3 Jahren, weil dann die Geschwister häufig gut miteinander auskommen, nicht so oft miteinander rivalisieren und viel miteinander anfangen können.
In Anlehnung an die Psychoanalytikerin Margret Mahler unterteilen Silbernagel und Lucassen die ersten drei Jahre in vier Phasen und stellen in ihrem Buch dar, was Ihr Kind in welchem Alter empfindet, wenn sich ein Geschwisterchen ankündigt:
6 - 10 Monate: Zu diesem Zeitpunkt der ersten Loslösung von Mutter und Kind erlebt das Kind die Geburt eines Geschwisters als Einbruch in seine vertraute Welt, denn nun bestimmen nicht Mutter und Kind das Tempo der Ablösung sondern andere äußere Bedingungen – das zweite Kind wird als unklare Bedrohung erlebt.
10 - 18 Monate: Das Interesse des Kindes richtet sich nun auf die Eroberung der Außenwelt – die Geburt wird nicht so negativ erlebt wie in der vorherigen Phase.
18 - 24 Monate: Das Kind steht im Widerstreit zwischen dem Wunsch nach Selbständigkeit und nach unbegrenztem Versorgtwerden durch die Mutter. Und gerade dieser Punkt macht einem Kind in diesem Alter bei der Geburt eines Geschwisters sehr zu schaffen.
älter als 2 Jahre Je näher die Geburt an der vorherigen Phase stattfindet, desto eher wird das Kind verunsichert. Steht die Geburt des Geschwisterchens gegen Ende des 3. Lebensjahres dagegen an, wird nun die Beziehung zum Vater immer mehr als ausgleichendes Element akzeptiert.

Schwanger - zum wiederholten Male: der Partner und das Kind

So erlebt der Vater die zweite Schwangerschaft

Während die erste Schwangerschaft von Neuem und Unbekanntem geprägt ist, kann die zweite Schwangerschaft vom Vater viel ruhiger angegangen werden: er weiß, wie (erotisch?) seine Frau mit dickem Bauch aussieht, dass sie teilweise unausstehlich ist, dass sie womöglich den sonderlichsten Geschmack entwickelt, dass sie ständig auf die Toilette muss … und dass das alles mit der Geburt vorbei ist. Dem Vater kommt nun ein besonders wichtiger Part zu: denn außer der Partnerin braucht jetzt vielmehr das Erstgeborene seinen Papa, weil es sich vernachlässigt und vielleicht auch verunsichert fühlt wegen seiner Stellung in der Familie (s.u.). In diesen Monaten kann ein besonders inniges Verhältnis zwischen Vater und Kind entstehen. Manche Väter sehen auch der Entbindung etwas entspannter entgegen, weil sie ungefähr wissen, was auf sie zukommt. Auch die Zeit nach der Entbindung wird nicht mehr so stark von der Angst geprägt sein, zu versagen: denn Väter haben sich beim ersten Kind entweder schon erprobt und bewährt oder sie freuen sich auf die zweite Chance, dieses Mal alles besser zu machen. Alles in allem wird die wiederholte Schwangerschaft vom werdenden Vater in der Regel gelassener angegangen.

So können Sie Ihr "Großes" an der Schwangerschft teilhaben lassen

Erzählen Sie Ihrem Kind nicht zu früh, dass ein Geschwisterchen kommt, denn es muss den Zeitraum bis zur Geburt mit dem Verstand erfassen können. Lassen Sie Ihr Kind an Ihrem wachsenden Bauch mit Händen und Ohren miterleben, wie das Baby wächst und sich bewegt. Vielleicht nützen Sie die Situation auch zur Aufklärung über Zeugung und Geburt – ein zu früh gibt es in diesem Falle nicht, denn was das Kind nicht versteht, vergisst es oder fragt später nochmals nach. Zum Üben macht dem Älteren eine Babypuppe mit Zubehör fast immer Freude. Lassen Sie Ihrem "Großen" aus seinen früheren Spielsachen die aussuchen, mit denen das Baby spielen darf.

Mutterliebe - das bedeutet alle gleich lieb haben, aber nicht behandeln

Jeder kommt mit dem Bedürfnis auf die Welt, von der uns umgebenden Umwelt, insbesondere der Familie, anerkannt, geachtet und geliebt zu werden. Das Kind lernt, sich so zu verhalten, dass es ausreichend Beachtung und Anerkennung erfährt. Wenn nun schon Geschwister da sind, versucht es, sich die Aufmerksamkeit der Eltern da zu sichern, wo es nicht schon das Geschwister tut. Dies ist ein Grund dafür, dass sich Geschwister unterschiedlich entwickeln: einem Trägen folgt ein Aktives, einem Aufsässigen ein Friedfertiges, usw. Deshalb: Bekennen Sie sich zur Ungleichbehandlung und geben Sie jedem Kind das was es braucht und nicht immer beiden dasselbe.

So erleichtern Sie Ihrem Großen die Situation

Die Veränderung ist enorm: gestern noch das umsorgte Einzelkind, dem jeder Wunsch von den Augen abgelesen wurde, und heute große Schwester oder großer Bruder von einem laut schreienden Baby. Nicht immer klappt diese Umstellung problemlos. Wie Ihr Kind auf den Neuankömmling reagiert, hängt im Wesentlichen von drei Faktoren ab:
• sein Alter und Entwicklungsstand (s.o.)
• Temperament und Geschlecht des Kindes
• Stabilität des Vertrauensverhältnisses
Ein paar Verhaltensmaßnahmen erleichtern die Umstellung darüber hinaus:
• Bewährt hat sich der Brauch, dass mit der Geburt des Geschwisterchens dem älteren Kind ein Geschenk gemacht wird – sozusagen im Namen des Babys
• Reservieren Sie bestimmte Privilegien für Ihr Erstgeborenes: eine bestimmte Sing-/ Vorlesestunde, eine Kuschelzeit vor dem Schlafengehen, die Turnstunde einmal pro Woche
• Sagen Sie Ihrem Erstgeborenen, dass so ein Baby einem auch manchmal ziemlich auf die Nerven geht und dass es als Spielkamerad zuerst noch nicht so gut brauchbar ist.
• Schicken Sie Ihr Ältestes nicht gerade dann in den Kindergarten, wenn das Geschwisterchen geboren wurde, denn dann fühlt es sich abgeschoben
• Trauen Sie Ihrem älteren Kind dem Umgang mit dem Neugeborenen zu – überfordern Sie es aber auch nicht mit Betreuungs- und Hilfsdiensten
• Ihr älteres Kind hat auch ein Recht darauf, klein zu sein! Verlangen Sie deshalb nicht, dass es von heute auf morgen vernünftig, einsichtig und selbständig ist, nur weil ein kleines Baby da ist!
• Geben Sie Ihrem „Großen“ ruhig wieder die Flasche und wickeln Sie es wieder, wenn es nötig ist – zeigen Sie ihm, das es Ihrer uneingeschränkten Zuneigung immer sicher sein kann
• Zeigen Sie Ihrem älteren Kind, dass Sie auch negative Gefühle gegenüber dem Geschwister akzeptieren – Sie möchten auch manchmal auf und davon, oder?! Wichtig ist nur die Art, wie diese Gefühle geäußert werden: wenn das größere das kleinere Kind ständig schlägt, ist dies sicher nicht zulässig, fragt das Ältere hingegen, ob Sie das Baby wieder zurückbringen können, dann reden Sie mit ihm darüber, das hilft dem kleinen „Großen“ sicher mehr, als wenn es seine Wut immer hinunter schlucken muss und der Groll sich aufstaut oder noch besser: nutzen Sie die Chance zu einer Liebeserklärung: „Ich kann Anna aber nicht zurückgeben. Ich hab sie doch genauso lieb wie dich. Und dich würde ich auch nie wieder hergeben!“
• Achten Sie darauf, dass das Ältere nicht zu kurz kommt, z.B. kann sich der Vater in den ersten Monaten in erster Linie um das „entthronte“ Kind kümmern – dann ist das Ältere vielleicht manchmal neidisch, aber es wird ganz gut damit zurecht kommen.
• Wenn nötig, gönnen Sie Ihren Kindern doch mal mehr Abstand voneinander, z.B. durch getrennte Zimmer oder eine bestimmte Zeitlänge, in der jeder das gemeinsame Zimmer für sich alleine nutzen darf.

Das Kleine - ein lästiges Anhängsel?

Betrachten Sie Ihr Zweitgeborenes nicht nur aus der Sicht Ihres Älteren, denn sonst wird es benachteiligt, noch bevor es geboren ist.

Und wenn noch ein drittes oder viertes Kind kommt?

… dann vergessen Sie bloß nicht Ihre mittleren Kinder, denn die verlieren (im Gegensatz zu den Großen) ihre Position als Nesthäkchen und damit müssen sie auch erst einmal fertig werden. Versuchen Sie, alle Kinder gleich zu behandeln und mit jedem mal etwas alleine zu unternehmen. Das ist bestimmt nicht einfach, aber sicherlich zu schaffen!

Mehrere Kinder - wo bleibt da die Partnerschaft?

Leichter wird es in der Partnerschaft bestimmt nicht mit dem zweiten Kind. Die Frau wird immer mehr Mutter, denn zwei Kinder fordern mehr Zeit von ihr als eines – auch wenn der Vater ihr tatkräftig unter die Arme greift. Noch wichtiger als beim ersten Kind ist es nun, eine gemeinsame Nische zu finden, z.B. einmal im Monat ein Abend- oder ein Mittagessen ohne Kinder oder ein gemeinsamer Saunabesuch.

B u c h t i p p s
Mit dem zweiten Kind wird alles anders von Helga Gürtler aus der Reihe Leben lernen mit Kindern des Südwest Verlags ist ein hilfreicher Ratgeber, dem einige nützliche Tipps für den Alltag mit zwei Kindern zu entnehmen sind
Wenn das zweite Kind kommt - das Gräfe-und-Unzer-Buch von Andrea Silbernagel und Nina Lucassen ist ein tolles Buch mit vielen Tipps auf wissenschaftlichem Hintergrund

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